Besinnung 87 - 2 Korinther 12,7-10

Alois Hüging MSF                                          
                                                                                                                          

„Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe“ (2 Kor 12,7).

       Die Apostel und der heilige Paulus hatten eine tiefe Erkenntnis der Liebe Christi zu den Menschen. Die Apostel hatten Jesus einige Jahre aus nächster Nähe erleben dürfen. Sie waren dabei, als er Kranke heilte, Tote in das Leben zurück rief und wie er mit grosser Vollmacht seine Lehre vom Reich Gottes vortrug. Ihre persönlichen Erfahrungen wurden prägend für ihr ganzes Leben.


       Der heilige Paulus war Jesus nie begegnet. Als die Jünger den Auferstandenen Jesus öffentlich bezeugten, bekämpfte Paulus die junge Kirche. Auf dem Weg nach Damaskus, wo er wegen der neuen Lehre Christen verhaften wollte, berührte ihn die Gnade Gottes. Aus Saulus wurde Paulus. In der folgenden Zeit erhielt er persönlich einzigartige Offenbarungen über Gott und seine Liebe zu den Menschen. Seine Freude darüber schwingt in seinem Brief an die Römer mit, wo er sagt: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege“ (Römer 11,33)!             
     Damit Paulus wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überheblich würde, duldete Gott einen Stachel im Fleisch des Paulus (vgl. 2 Kor 12,7). Dreimal bat Paulus Gott, ihm den Stachel zu nehmen. Die Antwort Gottes aber lautete: „Meine Gnade genügt dir“ (2 Kor 12,9). Paulus konnte in der Erkenntnis der Liebe Gottes dessen Entscheidung annehmen.      
     Über das Wort vom Stachel im Fleisch des heiligen Paulus wurde viel gesprochen und geschrieben. Der Anglikaner William Barclay hat eine ganze Reihe von Deutungen zusammen getragen[1]. Wer sie liest, staunt über die Vielfalt der Meinungen. Ernst zu nehmende Theologen denken eher an leibliche Schmerzen, die Paulus ständig ertragen musste. Was nun der Stachel war, spielt keine Rolle. Paulus hatte ein Leiden oder irgendeine Belastung, und das ertrug er mit Gottes Hilfe.                 
     Wenn der heilige Paulus sagt, dass er gerade dann stark ist, wenn er schwach ist (vgl 2 Kor 12,10), dann klingt das wie ein Widerspruch. Ein starker Mensch ist nun mal stark und ein schwacher ist schwach. Der scheinbare Widerspruch bei Paulus löst sich jedoch auf, wenn wir seine Aussage vor dem Hintergrund seiner besonderen Offenbarungen über Christus und sein Heilswirken betrachten.    
     Es ist sicher gut, dass der Stachel des heiligen Paulus nicht näher beschrieben wird. Schliesslich will Paulus den Korinthern und uns etwas sagen. Ob jemand körperlich leidet oder seelisch, alle können sich bei Paulus orientieren. Gott hat der Bitte des heiligen Paulus nicht entsprochen. Er hat ihm den Schmerz des Stachels gelassen. Gott lässt auch vielen Menschen ihren persönlichen Stachel. Da leidet jemand an einer körperlichen oder seelischen Krankheit. Ein anderer leidet unter einer gestörten Beziehung in der Ehe oder unter einem erlittenen Unrecht. Manche leiden unter den eigenen Schwächen, die sie als dauernde Last empfinden und das Leben im privaten und beruflichen Leben erschweren.   
     Ein gläubiger Christ bittet natürlich Gott, wie Paulus es tat, damit Gott das Kreuz nehme oder zumindest lindere. Paulus hat seinen Stachel schliesslich angenommen. Er schreibt an die Kolosser, dass er sein Leiden mit dem Leiden Christi verbindet (vgl. Kol 1,24). Sicher dürfen wir annehmen, dass die Schmerzen den heiligen Paulus an Gott und seinen Auftrag erinnert haben. Die Apostelgeschichte berichtet uns von den ungewöhnlichen Strapazen, die der Völkerapostel auf sich nehmen musste. Es war wohl das immerwährende Zwiegespräch mit dem Herrn, das Paulus in seiner Schwachheit stark werden liess zum Segen vieler Menschen. 
       Der Brief an die Korinther will uns dazu ermutigen, alle kleinen und grosse Leiden in Verbindung mit dem Leiden Christi zu sehen und dadurch in unserer Schwäche stark zu werden, was immer auch ein stark werden für andere bedeutet.         
     Sowohl ständige körperliche wie auch seelische Schmerzen können den Glauben an den gütigen Gott trüben. Manche Menschen wenden sich im Leiden sogar ganz von Gott ab. Das ist für jeden gläubigen Christen eine Enttäuschung. Wo immer ein Christ seinen Stachel, sein persönliches Leiden, mit der Hilfe Gottes annehmen kann, wird er jene nicht vergessen, die sich schwer tun, das eigene Schicksal im Glauben zu ertragen. Für sie alle wird er zum Fürsprecher bei dem, der die Tiefen dieser Welt durchlitten hat und nun in der Vollendung unser Anwalt beim Vater ist.              

 

[1] William Barclay, Briefe an die Korinther, S 241

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