Besinnung 90 - Markus 10,33-45

Alois Hüging MSF

„Wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45).

Die Heilung eines Blinden bei Jericho: 10,46-52

       Jesus näherte sich der Stadt Jerusalem. Da sagte er seinen Jüngern, dass der Menschensohn den Hohepriestern ausgeliefert und schliesslich getötet werde. Jesus hatte bereits zweimal zuvor von seinem bevorstehenden Leiden gesprochen. In seiner inneren Not und in der Angst vor dem, was ihn in Jerusalem erwartete, sprach er darüber zu seinen Jüngern. Sicher wollte er auf seinem schweren Gang nach Jerusalem Freunde um sich haben, die mitfühlten. Das war ihm nicht vergönnt. Jesus hatte gerade von seinem Leiden gesprochen, und unmittelbar danach kamen zwei Apostel zu ihm mit einer Bitte. Sie wollten im künftigen Reich Gottes links und rechts neben ihm sitzen. Kein Wort zu der gerade gehörten Leidensvorhersage! Es ging den beiden Aposteln um ihren persönlichen Vorteil. Hatten die beiden Apostel überhaupt nicht zugehört? War es Egoismus oder Verblendung? Möglicherweise lebten die Apostel wie viele Leute in Israel in der Vorstellung, der Messias werde als geistlicher und politischer Führer ein grossartiges Reich mit viel Ruhm und Ehre für Israel errichten. Johannes und Jakobus träumten bereits von ihrer Sonderstellung in diesem Reich

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       Die Apostel hatten offensichtlich wenig von dem begriffen, was Jesus bis dahin gelehrt und durch sein Leben unterstrichen hatte. Die Enttäuschung Jesu war sicher noch schmerzlicher, weil Jakobus und Johannes die absurde Bitte an ihn gerichtet hatten. Beide gehörten zusammen mit Petrus zu seinen engsten Vertrauten. Sie durften ihn in der Verklärung erleben; sie durften dabei sein, als er die Tochter des Jairus wieder ins Leben zurückrief. Ausserdem bezeichnet die Bibel einige Male den Apostel Johannes als den Jünger, den Jesus liebte. Gerade von diesem Jünger hätte Jesus mehr Mitgefühl erwarten können. Jakobus und Johannes gehörten zu den ersten, die Jesus in seine Nachfolge gerufen hatte (vgl. Mk 1,16-19). Sie hatten viele Reden von ihm gehört. Sie hatten ihn in seinem grossen Interesse für die Menschen kennengelernt. Sie hatten viele Wunder erlebt; sie hatten Jesus gesehen, wie er sich immer wieder Zeit genommen hatte für die Menschen. Ihnen war auch nicht entgangen, dass Jesus nie versuchte, weltliche Macht in dieser Welt zu beanspruchen.

       Wer kann schon die Enttäuschung Jesu nachempfinden, als er bei seiner Leidensankündigung nicht die geringste Anteilnahme von den Jüngern erfuhr? Er sprach von Leiden und Sterben, und die beiden Apostel dachten an Ämter und persönlichen Ruhm. Wahrscheinlich können jene Menschen den tiefen Schmerz Jesu noch am ehesten nachempfinden, die selber von geliebten Menschen enttäuscht wurden. Manche Eltern haben über viele Jahre für einen Sohn oder eine Tochter alles hergegeben und ernten dafür keinen Dank. Sicher haben nicht wenige Menschen ihren Ehepartner von ganzem Herzen geliebt und ihr Wohlwollen über Jahre hin geschenkt. Trotzdem erfuhren sie später Undank und Ablehnung. Nicht erwiderte Liebe kann einen nachhaltigen Schmerz verursachen. Wir dürfen die Enttäuschung Jesu bei der Leidensankündigung in Verbindung mit seinem Tod am Kreuz betrachten.    

       Jesus macht den beiden Jüngern keine Vorhaltungen. Er sagt ihnen nur, dass im Reich Gottes jene rechts und links neben ihm sitzen werden, die dafür bestimmt sind. Jesus nimmt jedoch den falschen Ehrgeiz von Jakobus und Johannes zum Anlass, um auf das Dienen im Reich Gottes hinzuweisen. In dem Reich, das wir im ‚Vater Unser‘ immer wieder erbitten, sind die Ersten die Letzten, und die wirklich Grossen im Reich Gottes sind jene, die sich hier in unserer Welt zusammen mit Jesus in den Dienst der Menschen gestellt haben. Jesu Leben war ein Leben und Dienst für andere. Eben dazu wollte er seine Jünger damals und uns heute bewegen.
       Das Dienen im Reich Gottes ist aber kein Selbstzweck. Bei der Ankündigung seines Leidens sagt Jesus, dass er auferstehen werde. Jene die im Sinne Jesu dienen, werden ebenfalls auferstehen und im Reich des himmlischen Vaters Ruhm, Herrlichkeit und Glück erfahren. Es wird eine Macht und Herrlichkeit sein, von der jede noch so beeindruckende irdische Machtentfaltung bestenfalls ein blasser Abglanz ist.

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