Besinnung 92 Offenbarung 1,5-8

Alois Hüging MSF

Gott liebt uns

„Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut; er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott, seinem Vater. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen“ (Offb 1,5-6).

      Bevor Johannes von seiner überwältigenden Vision auf der Insel Patmos berichtet, weist er auf einige wichtige Aspekte im Heilswirken Gottes hin. Zunächst erwähnt er die Liebe Christi zu uns. „Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut“ (Offb 1,5). Johannes spricht in der Gegenwart, weil Christus uns dauernd liebt, von Ewigkeit bis in alle Ewigkeit. Was Christus in seiner Liebe für uns getan hat, sagt Johannes in der Vergangenheit. Christus hat uns erlöst durch sein Blut. Dieses Heilswirken ist wie ein Spalt im Geheimnis Gottes, durch das ein Strahl des göttlichen Lichtes, nämlich der göttlichen Liebe, zu uns gelangt. Dann berichtet Johannes weiter, dass Christus uns zu Königen und zu Priestern vor Gott, seinem Vater, gemacht hat.

 

      Es war eine dunkle Stunde in der Geschichte der Menschheit. Jesus, der Sohn Gottes, stand mit einer Dornenkrone auf seinem Haupt vor einem heidnischen Richter. Dort sagte er von sich: „Ich bin ein König“ (Mt 18,37). Da der Knecht nicht über seinem Herrn steht, stimmt uns die Aussage Jesu nachdenklich. Christus hat für uns sein Sühneleiden auf sich genommen und ist dann in die Herrlichkeit Gottes zurückgekehrt. Da fragt sich ein Christ, welchen Weg er noch zu gehen hat, bevor er in die verheissene Herrlichkeit Gottes eintreten darf.

      Christus hat uns auch zu Priestern vor Gott gemacht. Was das bedeutet, kann ein Vergleich mit dem Tempel in Jerusalem verdeutlichen. Die Juden durften den Vorhof der Heiden betreten, den Vorhof der Frauen und den der Israeliten. Es war ihnen jedoch untersagt, in den Vorhof der Priester zu gehen. Dieser war den Priestern vorbehalten. Johannes sagt nun, dass wir alle Priester vor Gott sind. Da wir alle vor Gott Priester sind, ist jede Einschränkung aufgehoben. Im Reich Gottes dürfen wir uns alle frei bewegen. Es gibt keine Bereiche mehr vor Gott, die einer bestimmten Gruppe von Menschen vorbehalten sind. Wir können überall ohne Vermittlung vor Gott hintreten.

      Unser Anwalt vor Gott im Himmel ist Jesus Christus als der ewige Hohepriester. Der Hebräerbrief beschreibt das einprägsam. Er tut es mit einem Hinweis auf das Allerheiligste im Tempel von Jerusalem. Der Hohepriester ging nur einmal im Jahr in das Allerheiligste, das durch einen Vorhang abgetrennt war. Dort an der Stelle, wo einst die Bundeslade gestanden hatte, sprengte er Opferblut. Das gehörte zum grossen Sühneritus am Versöhnungstag der Juden. Der Hebräerbrief spricht von der Hoffnung, die wir in Christus haben. In ihr haben wir einen sicheren Anker der Seele, der hinreicht in das Innere des Heiligtums, hinter den Vorhang. Dorthin ist Jesus „als unser Vorläufer hineingegangen, er der nach der Ordnung Melchisedek Hohepriester ist auf ewig“ (Hebräer 6,19). Der Vergleich mit dem Allerheiligsten im Tempel will uns sagen, dass wir in Christus einen Anker der Seele haben, der im Allerheiligsten, in der Liebe des dreieinen Gottes, festgemacht hat. Diese enge Verbindung mit Gott lässt uns mit dem heiligen Paulus ausrufen: „Was kann uns scheiden von die Liebe Christi? (Römer 8,35). Indem Christus uns in diese Beziehung mit sich hineinzieht, nehmen wir teil an seinem königlichen und priesterlichen Wirken. 

      Die Bedeutung eines Königs wurde im alten Israel mit dem Bild des Hirten in Verbindung gebracht. Die Könige in Israel verstanden sich als Hirten, die sich um das Volk bemühten und es vor Gefahren schützten, wie ein Hirt sich um seine Schafe kümmert. In unserer Teilnahme am Königtum Jesu nehmen wir auch teil an seiner Sorge um seine Herde. Die Freude an unserer besonderen Stellung vor ihm ist uns ein Ansporn, mit offenen und wachen Augen durch die Welt zu gehen und wahrzunehmen, wo in Verbindung mit dem Herrn unsere Fürsorge gefragt ist.

      Wir sind mit Christus erwählt, Priester vor Gott zu sein. Jesus ist der Hohepriester, der auf ewig beim Vater ist und für uns eintritt. Christus lässt uns teilnehmen an seinem Priestertum. Im Neuen Testament sprechen wir vom allgemeinen Priestertum der Gläubigen. Jesus ist der ständige Mittler für die Menschen in der Welt. Er möchte die Welt heiligen. Als Priester vor Gott sind wir alle berufen, zusammen mit Christus, die Welt zu heiligen. Diesen Wunsch drücken wir immer neu aus, wenn wir den Vater im Himmel bitten: „Dein Reich komme!“

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