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Besinnung 94 - Johannes 6,29-35

Alois Hüging MSF

Jesus ist das Brot des Lebens

 „Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben“ (Joh 6,35).

Viele Leute waren begeistert von Jesus. Nach einer langen Unterweisung hatte er ihnen Brot zu essen gegeben. Deswegen suchten sie ihn. Jesus sagte ihnen, dass sie ihn nicht gesucht hätten, weil sie das Zeichen der Brotvermehrung verstanden hätten. Ihr Motiv, ihn wiederzufinden, war sehr irdisch. Da sie aber von Jesus beeindruckt waren, fragten sie ihn: „Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen“. Die Antwort Jesu lautete: „Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat“.


    Wir fragen uns, wie die Leute wohl auf die Worte Jesu reagiert haben. An den glauben, den Gott gesandt hat, ist doch eine recht allgemeine Antwort. Wenn wir die Antwort Jesu näher anschauen, erkennen wir ein Zweifaches. Die Antwort ist einmal sehr allgemein und gleichzeitig sehr inhaltsreich für denjenigen, der den Herrn aufrichtig sucht. Johannes berichtet gern in der knappen Form. Mitunter wurde das falsch verstanden, so als ob Jesus von Menschen nur eine allgemeine Frömmigkeit erwartete, die sich in der frommen Hinwendung zu Jesus erschöpfe. Das wäre ein grosses Missverständnis. Gerade Johannes fordert in seinem ersten Brief mit grossem Nachdruck die Werke als Beleg für eine echte Liebe zu Gott (vgl. 1 Joh 4,19).Johannes meidet es allerdings, konkrete Aufgaben zu nennen, die ein Christ vollbringen soll, um seine Liebe zu Gott zu zeigen. Er hat grossen Respekt vor der einzelnen Person und deren Fähigkeiten, selber den Willen Gottes in seinem Leben zu erkennen. Dahinter steht die persönliche Erfahrung des Johannes mit Jesus. Die Bibel spricht einige Male von Johannes als dem Jünger, den Jesus liebt. Johannes hat das Geschenk, von Gott geliebt zu sein, als überwältigende Gnade empfunden. So wurde sein ganzes Leben zu einem Versuch, auf die von Gott erfahrene Liebe zu antworten. Eben darum geht es im christlichen Leben. Ein Christ versucht, mit Jesus so vertraut zu werden, dass er beginnt, das Ausmass der Liebe Gottes zu ihm zu erahnen. Er wird die Geheimnisse Gottes und sein Heilswirken für alle Menschen auf sich wirken lassen und versuchen, darauf eine persönliche Antwort zu geben. Die Triebfeder für alles Handeln im Leben eines glaubenden Christen ist dann das Bewusstsein, ein von Gott geliebter zu sein.
    Ein Mensch, der geliebt wird, interessiert sich für den, der ihn liebt. Er möchte mehr über ihn erfahren und einen Zugang zu dem finden, der ihn liebt. Ein Schlüsselwort in dem vorliegenden Text ist die Offenbarung Jesu: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Dieses Brot kommt vom Himmel also von Gott (vgl. 31). Sobald sich jemand von Gott geliebt weiss, wird er dieses Brot immer wieder empfangen. Auf diese Weise kommt Licht in sein Leben und Tun. Der Christ wird dann nicht mehr fragen: Was muss ich tun. Er weiss: Gott hat ihm Verstand und Kraft gegeben und hat ihm vielleicht noch ganz spezielle Fähigkeiten geschenkt. Gott hat ihm möglicherweise Neigungen gegeben, die es ihm besonders erleichtern, auf andere Menschen zuzugehen. Im Wissen um alles, was Gott ihm gegeben hat für ein Leben in dieser Welt, wird er selber erkennen, in welchen Situationen Gott auf ihn wartet und was Gott von ihm erwartet. Das ist dann ein mündiger Christ, der selber erkennt, wo er in dieser Welt seinen Platz ausfüllen kann. Er braucht nicht zu fragen. Er braucht in seiner Liebe zu Gott und zu den Menschen auch keine Gebote und Verbote.
    Im Licht des Glaubens, der aus einer lebendigen Beziehung zu Christus erwächst, sieht ein Christ nicht nur, was er tun soll. Er wird auch die Motive für das eigene Handeln näher anschauen. Man kann ja sehr gut anderen helfen, und dabei sich selber und sein Ansehen suchen. Man kann einem Menschen helfen, um ihn los zu werden. Ein Mensch kann ausserordentlich fleissig sein, aber nicht erkennen, dass er irgendwie auf der Flucht ist, vor etwas, an das er sich nicht erinnern möchte. Im Glauben an den, den der Vater gesandt hat, wird ein Christ erkennen, was Gott von ihm erwartet und wie er es in rechter Weise tun kann.