Besinnung 95 - Markus 7,32-37

Alois Hüging MSF

Die Heilung des Taubstummen

„Danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden“ (Mk 7,34-35).

      Wir dürfen fragen: Wie kam es zur Heilung des Taubstummen? Sicher hatten Menschen in der Umgebung des Behinderten Mitleid. Verwandte, Freunde und Nachbarn sahen, wie der Mann vom Leben in der Gesellschaft abgeschnitten war. Als sie erfuhren, dass Jesus aus Nazareth in der Nähe war, brachten sie ihn zu Jesus. Sie glaubten, Jesus werde sicher helfen und das Schicksal des Taubstummen lindern.

 

      Jesus nahm den Taubstummenm beiseite, abseits von der neugierigen Menge. Dann legte er dem Taubstummen die Finger in die Ohren und berührte die Zunge mit Speichel. Jesus blickte zum Himmel. Das war ein Zeichen seiner Verbundenheit mit seinem himmlischen Vater. Erst dann sagte er das wirkmächtige Wort: „Effata! Öffne dich!“ Sogleich konnte der Mann wieder hören und richtig reden. Das Wunder war ein aussergewöhnliches Geschenk an den Behinderten. Hören und Sprechen ermöglichten ihm den Kontakt mit Menschen, von denen er isoliert gelebt hatte. Wie die meisten Wunder Jesu regt auch die Heilung des Taubstummen zur Besinnung an.

      Am Anfang aller Heilungen durch Jesu steht immer das Vertrauen zu ihm. Entweder sind es die Kranken selber, die dem Herrn vertrauen oder Freunde oder Verwandten. So war es auch bei der Heilung des Taubstummen, von der Markus uns berichtet.

      Die Heilung des Taubstummen enthält eine Botschaft an alle Menschen. Neben der Taubheit der Ohren gibt es auch eine Taubheit der Seele. Diese ist viel häufiger als die organische Taubheit. Wenn Jesus sagt: „Öffne dich“, dann richtet er diesen Befehl auch an die Herzen der Menschen. Viele Probleme unter den Menschen entstehen durch mangelnde Fähigkeit zu verstehen, was jemand sagen oder mitteilen möchte. Diese Taubheit, die mangelnde Fähigkeit auch mit dem Herzen zu hören, trägt viel Kälte in die menschlichen Beziehungen. Das ist ein Problem, das viele Freundschaften und freundliche Beziehungen beenden lässt. 

      Richtig hören oder auch richtig hinhören ist ein hoher Anspruch. Die einen versagen, weil sie überhaupt nicht begreifen, was jemand sagen möchte. Andere wieder sind so überempfindlich, dass sie ständig Worte und Gesten von anderen missverstehen. Gerade misstrauisches Hören zerstört vieles. Vielleicht dachte Jesus gerade an diese Menschen bei der Heilung des Taubstummen, als er seufzte.

      Um richtig hören zu können, gebrauchen die Menschen die heilende Kraft Gottes. Da gibt es das Stimmengewirr im Umfeld der Menschen und die Vielfalt der Meinung in den Medien. Gutes Hören verlangt Offenheit und Wohlwollen gegenüber den Menschen und die rückhaltlose Offenheit für den Willen Gottes. Der Wille, in den Spuren Jesu zu gehen, wird uns am ehesten helfen, richtig zu hören, weil wir dem nachfolgen, der den Geist gesandt hat, um uns „in die ganze Wahrheit zu führen“ (Joh 16,13).

      Neben den vielen Stimmen und Meinungen in unserer Umgebung, gibt es auch Stimmen in uns selber. Diese liegen schon mal im Streit mit einander. Manche Stimmen drängen eine Person, den eigenen Vorteil zu suchen. Andere Stimmen erinnern an Gott und an das Gemeinwohl der Menschen. Das kann in einem Menschen gelegentlich erhebliche Unruhe hervorrufen.

      Mitunter melden sich auch Stimmen im Menschen, die weder mit dem Willen Gottes noch mit Egoismus etwas zu tun haben. Erziehung und negative Erfahrungen im Leben können einen Menschen in die Irre führen. Da können sich Stimmen breitmachen, die an der Realität des Lebens völlig vorbeigehen. Solche Stimmen im Innern können einen Menschen etwa dazu verleiten, nur noch an das Wohl anderer zu denken bis er körperlich oder seelisch krank wird. Andere Stimmen im Innern könnten dazu raten, immer vor anderen auf der Hut zu sein, weil Angst vor Feinden und Gefahren das Denken nachhaltig verdunkelt hat. Solche Stimmen führen in die Isolation und verhindern dauerhafte Freundschaften. Das Tragische daran ist, dass Personen die von solch falschen Stimmen geplagt werden, oft gar nicht erkennen, warum sich viele Menschen von ihnen fernhalten.
      Ein gutes Gehör für die zahllosen Stimmen von aussen und innen sind eine unverzichtbare Voraussetzung, auch richtig reden zu können. Im Evangelium konnte der Taubstumme richtig reden, nachdem Jesus ihn geheilt hatte. Wir wenden uns vertrauensvoll an Jesus, uns zu helfen, damit wir richtig hören, um so im Umgang mit den Menschen stets die richtigen Worte und den rechten Ton zu finden.

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