Besinnung 97 - Markus 9,38-47

Alois Hüging MSF

„Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt.  Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! … Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. (Mk 9,38-40).

      Der Apostel Johannes hatte einen Mann getroffen, der im Namen Jesu Dämonen austrieb. Das störte ihn gewaltig, weil der Mann nicht zu ihnen gehörte. Dämonen austreiben, das war doch eine Sache Jesu. Manchmal hatten auch sie, die Apostel, die Ehre, im Namen ihres Meisters Dämonen auszutreiben. Sie erhielten dafür aber jeweils einen besonderen Auftrag. Und da traf Johannes einen Menschen, der sich die Freiheit nahm, ohne einen Auftrag durch Jesus Dämonen auszutreiben. Das widersprach seinem Empfinden von der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Das Argument des Johannes lautete: „Der da gehört nicht zu uns. Also ist er gegen uns.“


     Jesus beruhigt Johannes mit den Worten: „Wer nicht gegen uns ist, ist für uns.“ Damit offenbart Jesus eine beindruckende Toleranz. Er schließt niemand aus, der in seinem Sinn Gutes tut. Damit gibt Jesus einen Denkanstoß für jede ökumenische Tätigkeit. In dem Bemühen um Wiedervereinigung im Glauben sehen viele Christen immer zuerst das Trennende zwischen den christlichen Kirchen. Mitunter werden sogar aufwendige Konferenzen gehalten mit dem Ziel, das Trennende möglichst schnell zu überwinden. Das Gute an solchen Konferenzen sind die Begegnungen von Menschen aus verschiedenen christlichen Lagern. Wohlwollende Gespräche bringen Menschen näher zusammen, und das ist eine wichtige Voraussetzung für gute Ökumene.   

      In dem Bemühen um Wiedervereinigung im Glauben wollen viele Christen schnell das überwinden, was die christlichen Kirchen voneinander trennt. Man kann aber den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun. Bevor wir das Trennende anschauen, besinnen wir uns zunächst auf alles, was wir im Glauben mit anderen Christen gemeinsam haben. Die Besinnung auf Gemeinsames wird unser Wohlwollen für andere Christen wecken und vertiefen. Wohlwollen und Liebe werden mit großer Offenheit Glaubensüberzeugungen anderer anhören.

      Eine Ökumene, die von Liebe geprägt ist, wird nicht an erster Stelle versuchen, die Gräben der Lehrmeinungen zwischen den christlichen Kirchen zuzuschütten. Die sind ohnehin tiefer als manche es wahrhaben wollen. Wichtiger ist es, über vorhandene Gräben Brücken zu bauen, um so die Begegnung von Christen unterschiedlicher Prägung zu fördern. Die Liebe ist unverzichtbar für eine fruchtbare Ökumene. Sie ist der Boden, auf dem Begegnung und gemeinsame Besinnungen über Gott und seine Geheimnisse möglich werden. Die Liebe will andere verstehen. Sie drängt niemand den eigenen Glauben aufzugeben. Sie begleitet den je anderen in Freundlichkeit und durch Gebet. Die Liebe überlässt es rückhaltlos Gott, den anderen auf seinem Lebensweg zu führen, ganz wie es Ihm gefällt.
      Rechte Ökumene verlangt Wohlwollen und Toleranz gegenüber jeden Menschen mit einem anderen Glauben. Sie verlangt aber auch eine klare Vorstellung von dem, was einem Christen im eigenen Glauben unverzichtbar ist. Es gibt Christen, die nur an ein oder zwei Sakramente glauben. Katholiken dagegen glauben an sieben Sakramente. Ökumenische Gespräche müssen von Wahrhaftigkeit begleitet sein. So kann niemand, der mit den Augen des Glaubens in der Eucharistie den Leib des Herrn sieht, gleichzeitig eben diesen Glauben bei ökumenischen Gesprächen in Frage stellen. 
      Alle Menschen dieser Welt haben zwei Dinge gemeinsam. Sie sind von Gott dem Schöpfer geliebt und alle ohne Ausnahme haben die Neigung zum Bösen. Daran erinnert Jesus. Er spricht von Sünde mit Füssen, Händen und Augen. Die Konsequenz klingt hart und blutig. Jesus will jedoch keine Selbstverstümmelung. Die Bibel ist göttliche Offenbarung in menschlicher Sprache, von Menschen niedergeschrieben. Das geschah in der Sprache des Vorderen Orients. Die drastischen Sprachbilder wollen den großen Ernst Jesu unterstreichen, dass wir uns vor der Sünde hüten sollen. Jesus verlangt nachdrücklich Bescheidenheit, weil jeder Mensch auch sündigen kann. Deswegen schreibt Paulus: „Wer also zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt“ (vgl. 1 Kor 10, 12). Das Wissen um die eigenen Grenzen lässt die Menschen bescheiden sein, auch im Bemühen um Ökumene.

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