Geschrieben am . Veröffentlicht in Biblische Besinnungen.

Besinnung 98 - Johannes 15,2-19

Alois Hüging MSF

Der göttliche Winzer

„Jede Rebe an mir die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt“ (Joh 15,2).

      Das Bild vom Weinstock war im Alten Testament bekannt. Israel war der Weinstock Gottes. Israel hat aber die erwarteten Früchte nicht gebracht. Schon der Prophet Jeremias klagt: „Wie hast du dich gewandelt zum Wildling, zum entarteten Weinstock“ (Jer 2,21). Gott erwartete Früchte. Daher setzte er einen neuen Anfang. Er pflanzte seinen Sohn Jesus Christus als neuen Weinstock, mit dem alle Glaubenden als Reben verbunden sein sollen.

      Jesus nennt seinen Vater den Winzer. Gott kann sich auf seinen neuen Weinstock, seinen Sohn, verlassen. Dieser wird die gewünschten Früchte bringen. Der göttliche Winzer sieht aufmerksam auf die Reben. Diese sollen Früchte bringen. Reben, die keine Früchte bringen, schneidet er ab. Jene aber die Frucht bringen, reinigt er, um eine grössere Ernte einfahren zu können. Das Reinigen geschieht mit der Schere. Er schneidet alles ab, was unwesentlich oder überflüssig ist. Ein vielsagendes Bild dafür, wie der göttliche Winzer arbeitet! Dieser fügt der Rebe durch das Schneiden einen Schmerz zu, um so für Gott wertvoller zu sein. Gerade an grossen Heiligen wird das deutlich. Gott hat ihnen vieles genommen, was sie daran hinderte, noch mehr und noch bessere Früchte hervorzubringen. Der himmlische Vater reinigt die menschlichen Reben. Sie sind am Weinstock, um Frucht zu bringen; das ist ihre Bestimmung nach dem Willen Gottes. Das Reinigen besonders der edlen Reben, ist ein Ausdruck für das Kreuz, das Gott ihnen zugemutet hat. Als Heilige waren sie auf einem guten Weg und brachten bereits gute Früchte. Gott aber wünschte noch mehr von ihnen. Daher führte er sie in den Schatten des Kreuzes Christi.

      Das Bild vom Weinstock unterstreicht vor allem die Verbindung der Rebe mit dem Weinstock. Damit ist die enge Verbindung eines Christen mit dem Herrn gemeint. Es heisst im Evangelium vom Weinstock: „Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“. Solange die Rebe am Weinstock bleibt und Frucht bringt, darf sie am Weinstock bleiben. Wenn sie keine Frucht mehr bringt, wird der Winzer sie abschneiden.

      Das Verbleiben am Weinstock ist wesentlich. Jesus sagt auch, worin das Frucht-bringen besteht. Er sagt: „Bleibt in meiner Liebe“(9)! In der Liebe Christi bleiben, ist kein untätiges liebendes Verweilen. Liebe drängt immer nach vorn. Sie will andere erreichen. In der Liebe Christi bleiben bedeutet, auf Christus ausgerichtet sein und auf seine Liebe zum Menschen. Wahre Liebe zu Gott kennt grundsätzlich zwei Richtungen, die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen. Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen. Wer Gott wirklich liebt, bemüht sich auch, Gott in seiner Liebe zum Menschen ähnlich zu werden. Deswegen sieht der Christ die Menschen in seiner Umgebung im Licht der Liebe Gottes. „Bleibt bin meiner Liebe“ (9) ist ein Auftrag für das ganze Leben. Immer sind Menschen in unserer Nähe, die von Gott geliebt werden.

      Da bleibt noch die Frage, wie denn unsere Früchte zustande kommen. Das Bild vom Weinstock gibt uns eine liebevolle Antwort. Der Weinstock steht für Christus. Wir sind die Reben. Und an den Reben hängen die Trauben. Wie kommen nun die Früchte an die Reben? Welchen konkreten Beitrag leisten die Reben? Sie sind am Weinstock und die reifen Früchte hängen an ihnen. Die Reben bringen die Früchte nicht hervor. Alle nährende Kraft kommt vom Weinstock. Diese Nahrung bringt die Früchte hervor. Die einzige Aufgabe der Reben besteht darin, durchlässig zu sein für die Nahrung, die vom Weinstock ausgeht. Je durchlässiger sie sind, umso schöner und reicher wird die Frucht. Wir sind die Reben am göttlichen Weinstock. Unsere Aufgabe ist es, auf unserem Pilgerweg immer durchlässiger zu werden für das Wirken Gottes in dieser Welt. Wo es dem Christen gelingt, für Gott durchlässig zu sein, dort wachsen die Früchte Gottes. Und diese Früchte werden dann ihm zugeschrieben. „Wer in mir bleibt, bringt reiche Frucht“, sagt Jesus. Dies ist ein wunderschönes Bild für das Wohlwollen Gottes zum Menschen. Er selber bringt die Frucht hervor, aber überall, wo ein Mensch mit Christus in Verbindung bleibt, und durchlässig ist für das Heilswirken Gottes in der Welt, dort werden ihm die Früchte Gottes zugeschrieben.