Geschrieben am . Veröffentlicht in Biblische Besinnungen.

Besinnung 101 - Johannes 8,3-11

Alois Hüging MSF

Jesus und die Sünderin

„Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort“ (Joh 8,7-9).

      Der Psalm 145 sagt: „Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade“. Vor dem Hintergrund dieses Gedankens, finden wir einen guten Zugang zu einer Meditation über das Evangelium von der Ehebrecherin.

Die Gegner Jesu suchen einen Anlass, ihn mit einem Hinweis aus dem mosaischen Gesetz zu töten. So schleppen Schriftgelehrte und Pharisäer eine Frau heran, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie drängen Jesus zu einer Stellungnahme. Soll die Frau gesteinigt werden oder nicht? Wenn Jesus sagt, dass die Frau gesteinigt werden muss, erscheint er in den Augen vieler seiner Anhänger als zu hart. Wenn Jesus sagt, die Frau soll nicht gesteinigt werden, können sie ihn anklagen und töten, weil er das Gesetz des Moses ablehnt. Als die Männer ihn zu einer Antwort drängen, sagt Jesus. „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein auf sie“. Daraufhin entfernen sich die Schriftgelehrten und Pharisäer, die gerade noch den Tod Jesu oder der Frau anstrebten. Jesus verurteilt die Ehebrecherin nicht. Er sagt ihr nur: „Sündige nicht mehr“!
      Der Bericht des Johannes über die Ehebrecherin enthält zwei Mahnungen Jesu. Statt Verurteilen und Anklagen will Jesus Barmherzigkeit. Er weist in mitfühlender Weise den Weg der Barmherzigkeit. Er sagt damit allen Menschen aller Zeiten, in Gedanken und Worten vorsichtig mit dem Urteil über andere zu sein. Immer wieder urteilen und verurteilen Menschen andere, obwohl sie nicht wissen, aus welchen Motiven Menschen so oder anders handeln. Letztlich sollen wir das Urteilen Gott überlassen, weil nur er allein weiss, was im Menschen vorgeht und welche seine Motive sind.
      Am Ende der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin sagt er zu ihr: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“. Dies ist die zweite Botschaft unseres Evangeliums. Die Ehebrecherin und alle Menschen sollen aufhören zu sündigen. Schliesslich ist Jesus aus Liebe zu uns für alle Sünden gestorben, für die kleinen Sünden und für die grossen Verbrechen im Laufe der Geschichte der Menschheit. Das ist Grund genug alle Sünden ohne Ausnahme, ernst zu nehmen.
      Dabei vergessen wir nicht, dass jede moralische Tat eine Vorgeschichte hat. Wenn ein Reicher eine sehr große Geldsumme für die Armen spendet, dann ist das nicht eine plötzlich Eingebung. Wir können sicher sein, dass solch ein Mensch lange vorher vielfach im Kleinen Freundlichkeit und Hilfe geschenkt hat. Andererseits wird niemand bei einem Strafprozess zum Schaden des Angeklagten einen Meineid schwören, wenn er nicht schon lange vorher die Wahrhaftigkeit auf die leichte Schulter genommen hat.
      Wir wissen nicht, wie die Ehebrecherin mit dem Gebot des Herrn zurechtgekommen ist. Aber abgesehen von der Ehebrecherin gilt das Wort des Herrn allen. Da sollten die Christen auch nicht unterscheiden zwischen kleinen und grossen Vergehen. Das Gebot Jesu gilt grundsätzlich. Da ergibt sich die Frage, wie weit wir dieses Gebot umsetzen können. Die Erfahrung lehrt jeden Menschen, dass er schwach ist und dass er immer wieder sündigt.
Was ist da zu tun? Vorsätze allein werden einen Menschen nicht verändern. Es hilft auch nichts, sich wegen der eigenen Sünden innerlich zu quälen. Davon hat weder Gott etwas noch der Sünder. Allzu grosse Trauer über die eigenen Sünden sind eher die Folgen von Stolz und Eitelkeit. Man meint da nicht die gestörte Beziehung zu Gott, sondern es ist wahrscheinlicher die Enttäuschung über die eigene Schwäche.
      Ein anderer Weg ist hilfreicher. Der Mensch kann jede Sünde zum Anlass nehmen, von Gott den Segen für sich und Menschen im eigenen Lebensbereich zu erflehen. So wird die Sünde kein Anlass, sich von Gott zu entfernen, sondern sich Gott zuzuwenden. Je mehr der Mensch an die Güte Gottes glaubt, umso weniger wird er geneigt sein, sich vor Gott zu verbergen, wie Adam es im Paradies getan hat. Für den menschlichen Verstand mag das wenig überzeugend klingen. Im Licht der Liebe Gottes wird das jedoch zu einer tief beindruckenden Wirklichkeit. Papst Benedikt XVI unterstreicht in seiner Enzyklika das Geheimnis, dass wir von Gott geliebt sind. Christliches Leben wird sich darauf konzentrieren, auf die Liebe Gottes eine Antwort zu geben. Er wird es auch dann tun, wenn er versagt hat. So kann aus der Sünde eine sehr lebendige Beziehung zwischen Gott und seinem Geschöpf heranreifen.