Besinnung 102 - Johannes 1,5-11

Alois Hüging MSF

 „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,9-11).

Der Evangelist Johannes sagt zum Kommen des Messias in Israel: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“. Die meisten Juden im Umfeld Jesu erkannten ihn nicht als den von Gott gesandten Retter Israels. Das könnte uns verwundern, weil Israel doch seit vielen Generationen den Messias erwartete. Ihre Vorstellung vom kommenden Messias war durch Wunschdenken irregeführt. Manche Juden beriefen sich auf eine Vision des Propheten Daniel (vgl. Daniel 7,13-14). Dieser hatte einen Retter Israels schauen dürfen, der Herrscher eines ewigen Reiches sein würde. Das ewige Reich aus der Schau Daniels wurde jedoch sehr einseitig auf ein Reich im irdischen Sinn gedeutet und missverstanden. Wahrscheinlich hat aber nicht die Vision des Daniel, sondern eine innere Bereitschaft der Menschen zu Gewalt eine falsche Messiaserwartung gefördert.

       

   Der Seher von Patmos, Johannes der Evangelist, hatte ebenfalls Visionen vom kommenden Reich. Wir können im Buch der Offenbarung, im letzten Buch der Bibel, lesen, was er nach den Visionen niedergeschrieben hat. Johannes durfte immer wieder das Lamm vor dem Thron Gottes schauen. Dem himmlischen Lamm war alle Macht gegeben und konnte jene, die aus der Bedrängnis kamen, zum Quell des Lebens führen (vgl. Offenbarung 7,17). Die Visionen vom Lamm Gottes weisen auf den gekreuzigten und auferstandenen Herrn hin, der jetzt in seiner Herrlichkeit lebt und der Anwalt aller Menschen vor Gott ist. Mehr als 20 Mal erwähnt Johannes das Lamm in der Offenbarung. In der Eucharistiefeier wird Jesus vor der Kommunion dreimal als das Lamm Gottes angerufen. Das Gloria in der Messe ehrt Gott mit den Worten: „Herr und Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters, du nimmst hinweg die Sünde der Welt“. Und häufig erinnert der Priester am Altar an das Lamm Gottes: „Selig, die zum Mahl des Lammes geladen sind.“
   Gott hat für seinen Sohn das Lamm als Symbol gewählt, damit wir leichter begreifen, was die Absicht Gottes für die Menschen in dieser Welt ist. Das Lamm steht für Gewaltlosigkeit. Ein Lamm verstummt, wenn es zum Scherer und zum Schlachten geführt wird (vgl. Jes 53,7). Jesus ist gewaltlos durch diese Welt gegangen bis zum Tod am Kreuz. Und seit seiner Himmelfahrt ist er der Herrscher des gesamten Weltalls. In der Bergpredigt sagt Jesus auch von sich selbst: „Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben“ (Mt 5,5).
   Ein Herrscher, der ohne jede Gewalt sein Reich regieren könnte, das geht über menschliches Denken hinaus. Im Laufe der Geschichte haben irdische Herrscher, sowohl in Europa wie auch in den Kulturen des nahen Orients, Abbilder von Löwen in Stein oder auch Bronze anfertigen lassen und damit ihre Paläste geschmückt. Auf diese Weise wollten sie ihre Macht zur Schau stellen. Sicher wollten sie auch ihren Untergebenen sagen, dass jeder vernichtet würde, der sich der Macht des Herrschers entgegenstellte, ähnlich wie ein Mensch von einem Löwen zerfleischt würde, der seine Kräfte mit ihm messen wollte.
    Es scheint wohl in der Natur des Menschen zu liegen, dass er zwar gern von Gewaltlosigkeit spricht und von seiner eigenen Gewaltlosigkeit überzeugt ist, aber keineswegs immer gewaltlos denkt. Wenn ungerechte Kriege geführt werden, wenn Massen- oder Serienmörder ihre Verbrechen ausüben oder wenn jemand persönlich grosses Unrecht erfahren hat, kommt bei vielen Menschen die Stunde der Wahrheit in ihren Gedanken. Manche Menschen wünschen sich in solchen Situationen eher einen Gott, der sich einen Löwen als Symbol gewählt hätte, anstatt eines Lammes. Viele Juden wünschten sich einen religiösen und politischen Führer als Messias, der keineswegs nur wie ein Lamm auftreten würde, sondern mit dem Schwert Israel wieder zu Ruhm und Ansehen verhelfen würde. Das hinderte sie auch daran, den erwarteten Messias zu erkennen.
     Das häufig erwähnte Lamm in der Offenbarung des Johannes hinterfragt unsere Gedanken nach Gewalt und Gewaltlosigkeit. Wenn Gewalt in der Welt zurückgedrängt werden soll, beginnt das mit dem Bemühen, gewaltfrei zu denken. Gewalt nach aussen gibt es schliesslich nur dort, wo sie vorher im Herzen geboren wurde. 

  

 

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