Die Ehre Gottes, das ist der lebendige Mensch.

Alois Hüging MSF - Besinnung   2

Die Ehre Gottes, das ist der lebendige Mensch.

 “Seid also Wachsam” (Mk 13, 31-33)!

 Irenäus von Lyon lebte um das Jahr 200. Von ihm stammt das schöne Wort: “Die Ehre Gottes, das ist der lebendige Mensch.” Was wollte Irenäus damit sagen? Wer ist ein lebendiger Mensch?

Die Gesellschaft, in der wir leben, hält besonders jene für lebendig, die sehr aktiv sind und immer versuchen, die Rolle eines stets hellwachen und gut gelaunten Menschen zu spielen. Natürlich kann das zu einem lebendigen Menschen gehören, wenn jemand so vor Leben sprüht und voller Tatendrang ist. Dennoch dürfen wir in dieser vordergründig so lebhaften Gesellschaft einige Zweifel aufkommen lassen.

Beschäftigen wir uns einmal mit der Frage: “Wer ist wirklich lebendig?”

Wir sollten einmal die Menschen genauer beobachten, die aus kirchlichen oder religiösen Motiven sehr aktiv sind, die in Pfarrgemeinden, in kirchlichen Vereinen oder auch in geistlichen Gemeinschaften vieles leisten. Ihre Motive können viele Gesichter haben. Selbst dort, wo sich jemand etwa in einer Pfarrgemeinde stark einsetzt, braucht er noch nicht ein lebendiger Mensch sein.
            Zum Leben gehört Reifen und Wachsen. Ein lebendiger Mensch ist vor allem jemand, der sich auf einen inneren Prozess des Wachsens einlässt. Wenn wir Menschen näher  anschauen, besonders jene mit einem starken Leistungswillen, kann es durchaus geschehen, dass wir von Wachsen und Reifen nicht viel verspüren. Sie leben in der Vorstellung, genau zu wissen, worauf es ankommt. Das kann jedoch das Wachsen im geistlichen Leben blockieren. Lebendigkeit eines Menschen hat mit Lernfähigkeit etwas zu tun, damit ob er Neues an sich herankommen lässt, ob er sein eigenes Tun in Frage stellen kann.
            Gott hat uns in den Zehn Geboten, in der Offenbarung der Bibel und in unserer Kirche eine unverzichtbare Orientierung gegeben. Das reicht jedoch nicht für den Einzelnen. Was uns die Kirche und die Offenbarung sagen, hat Allgemeingültigkeit. Es wird nicht gesagt, was vom einzelnen in einer konkreten Situation erforderlich ist. Genau an diesem Punkt liegt der hohe Anspruch an jeden Christen. Er soll sich auf die Frage einlassen: Was erwartet Gott heute von mir persönlich, wenn mir ganz bestimmte Menschen begegnen, wenn ich ganz konkrete Aufgaben zu erfüllen habe? Gott hat jeden Menschen mit einer einmaligen Absicht ins Leben gerufen. Er ist an jeden interessiert. So begleitet er den einzelnen genauso wie seine ganze Kirche, ähnlich wie er im Buch Jonas genauso um Jonas besorgt ist, wie um die Einhundert Zwanzig Tausend Menschen von Ninive (vgl Jona 3, 5-11).

            Den Christen bewegt daher die Frage: Worin liegt denn die Führung Gottes? Wie kann ich sie im Alltag wahrnehmen? Dazu hat niemand eine leichte Erklärung. Auf keinen Fall können wir blind die Bibel aufschlagen und die nächstbeste Stelle für den Willen Gottes ausgeben. Auch können wir nicht ein vereinzeltes Gebet sprechen und die Gedanken, die dann in uns hochkommen, für den Willen Gottes halten. Es gibt in uns negative psychologische Prägungen, die uns selbst im Gebet noch täuschen können.

            Eine Hilfe finden wir in Worten Jesu, die uns zur Wachsamkeit aufrufen. Er sagte: “Wachet und betet”(Lk 21,36) und “Seid also wachsam”(Mk 13,35). Auch im Gleichnis von den Zehn Jungfrauen (vgl. Mt 25,1-13) mahnt er zur Wachsamkeit. Wenn jemand den Willen Gottes erfüllen will, muss er zunächst in die Offenbarung und in die Lehre der Kirche hinein hören. Daneben ist dann die Pflege der inneren Wachsamkeit entscheidend. Wer den Willen Gottes erfüllen will, lässt die innere Wachsamkeit zu einer Grundhaltung werden. So entsteht der geistliche Raum, in dem er den Willen Gottes besser wahrnehmen kann. Dazu gehört Mut. Sich von Gott führen lassen, sich vom Wind Gottes (vgl. Joh 3,8) genau dort packen zu lassen, wo es Gott gefällt, das wird den Menschen seine Aufgaben in einem anderen Licht sehen lassen. Auf diese Weise tut der Mensch einen Schritt, der in eine tiefere Lebendigkeit führt. Er wird frei. Er handelt nicht mehr nach anerzogenen Zwängen, nicht mehr nach dem, was andere von ihm erwarten. Er beginnt, wirklich frei zu atmen. Er lässt sich von Gott führen und ehrt ihn immer mehr durch seine Lebendigkeit als durch sein Beten und Arbeiten.

 

 

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