Besinnung 103 - Genesis 28, 11-17

Alois Hüging MSF

Die Treppe des Jakob

„Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Und siehe, der Herr stand oben und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks“ (Gen 28,13-14).
Als Jakob vor seinem Bruder Esau fliehen musste, übernachtete er bei Bet-El im Freien. Dort hatte er einen ungewöhnlichen Traum. Er sah eine Treppe, die bis zum Himmel ragte. Oben an der Treppe sah er Gott, der sich vorstellte als der Gott Abrahams und Isaaks. Dieser wiederholte die Verheissung, die er Abraham gegeben hatte: „Durch dich und deine Nachkommen werden alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“. Jakob und seine Nachkommen haben im göttlichen Plan den Auftrag, ein Segen für andere zu sein.

 

     Auf der Treppe sieht Jakob Engel, die auf und niedersteigen. Wenn die Bibel von Träumen berichtet, von Visionen und Gleichnissen, sind sie meistens offen für Deutungen. Gott spricht in Bildern, weil alles, was unmittelbar mit ihm zu tun hat, nicht in menschlicher Sprache erklärt werden kann. Der biblische Bericht vom Traum Jakobs und das Schaffen von Künstlern können uns helfen, der Botschaft Gottes von der Himmelstreppe des Jakob näher zu kommen. Viele Künstler waren fasziniert von Jakob und seinem Traum. Über die Jahrhunderte hin haben sie versucht, aus ihrer Sicht die Botschaft von Jakobs Traum im Bild auszudrücken. Sowohl der Bericht im Buch Genesis wie auch Bilder von Künstlern öffnen uns eine Tür zum Verständnis der Botschaft Gottes.
     Wenn wir den Traum Jakobs betrachten, wird unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf die Engel gelenkt. Die Engel stehen nicht einfach auf der hohen Treppe. Sie bewegen sich. Sie kommen von Gott; sie steigen hinunter bis zu Jakob und sie gehen wieder hinauf zum unendlichen Gott. Da ist nichts Starres. Jakob sieht eine ständige Bewegung in seinem Traum. Alles bewegt sich zwischen Gott und ihm. Als er aufwachte, war er erschrocken. Der Ort, wo er geschlafen hatte, war rein äusserlich ein völlig normaler Platz irgendwo in der Landschaft. Ihm hatte aber der Traum gesagt: „Der Herr ist an diesem Ort.“ Jakob erkannte in dem einfachen Ort ein Tor zum Himmel. Dort wo er sich aufhielt, war Gott ihm nahe. Für die Nähe Gottes waren keine Prachtbauten erforderlich. Überall, wo Jakob sich aufhielt, war Gott bei ihm. Im Traum hatte Gott ihm gesagt: „Ich bin mit dir, ich behüte dich“,

       Die Nähe Gottes braucht in der Tat keinen Tempel. Der Traum soll aber noch auf etwas anderes sehr Wesentliches hinweisen. Das geschieht durch die doppelte Bewegung der Engel. Sie kommen von Gott und gehen wieder zu Gott hinauf. Wir sehen in dieser zweifachen Bewegung den Ausdruck unserer Beziehung zu Gott. Dieser geht auf uns zu; er gibt uns Glauben und Kraft. Eine Beziehung zu Gott und zu seiner Nähe wird jedoch erst lebendig, wenn der Mensch auf das antwortet, was er von Gott erhalten hat.
     Jakob wird im Traum an Abraham erinnert. Er soll wie Abraham ein Segen für viele Menschen werden. Lange Zeit wurde das im Alten Bund auf die leiblichen Nachkommen Jakobs verstanden. Jesus hat aber unseren Blick geweitet. Er offenbarte durch seine Menschwerdung und sein Heilswirken seine Liebe für alle Menschen. Als Jünger Jesu sind die Christen eingeladen, ein Segen für andere zu werden. Dieser Auftrag braucht nicht zu erschrecken; er wird unsere Kräfte nicht überfordern. Gott sagte zu Jakob im Traum: „Ich bin mit dir“. Das Gleiche sagt Gott auch jedem Christen, der Jesus nachfolgen will. Gott wünscht Menschen, die für andere ein Segen sind. Die Kraft dafür erwächst den Christen aus ihrer Beziehung zum dreifaltigen Gott. Echte Beziehung wird angedeutet durch die Engel, die auf der Treppe im Traum niedersteigen und aufsteigen. Das ist ein schönes Bild für die wechselseitige Bewegung einer jeden liebenden Beziehung, sowohl zwischen Gott und seinem Geschöpf wie auch zwischen zwei Menschen.
    Ein Christ, der den Auftrag „Ein Segen sollst du sein“ annimmt, wird sich fragen: „Für wen möchte ich ein Segen sein?“ Wer immer die Menschen in seinem Umfeld mit Wohlwollen ansieht, wird bald die rechte Antwort finden. Da gibt es Gesunde und Kranke, Sympathische und Unsympathische, Frohe und Traurige, Gläubige und Ungläubige. In einer liebenden Beziehung zu Gott wird ihm die Einsicht kommen, wem er besonders zum Segen werden möchte.

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