Unser Glaube 54

Wilhelm von Rüden MSF

 VIII: Und führe uns nicht in Versuchung

Kann es denn überhaupt sein, dass Gott und Menschen in Versuchung führt, wie es die Bitte zu suggerieren scheint? Das kann nicht sein, so denken wir, und das ist es auch nicht. Aus Mt 4,1 erhalten wir den Hinweis, den wir brauchen um diese Bitte richtig einzuordnen und zu verstehen. In Mt 4,1 erfahren wir, dass Jesus, der sich 40 Tage in der Wüste aufhielt, vom Teufel versucht wurde. Der Teufel ist der Versucher.

Aber auch das ist aus der Heiligen Schrift klar: „zu Jesu messianischer Aufgabe gehört es, die großen Versuchungen zu bestehen, die die Menschheit von Gott weggeführt haben und immer wieder wegführen.“ Weil Jesus diese Versuchungen durchlitten hat, „bis zum Tod am Kreuz“, ist Rettung für uns erst möglich. „Er muss so erst nicht nach dem Tod, sondern mit ihm und in seinem ganzen Leben gleichsam „hinabsteigen in die Hölle“, in den Raum unserer Versuchungen und Niederlagen, um uns an die Hand zu nehmen und aufwärts zu tragen.“ Im Hebräerbrief findet man dazu die Bestätigung, zu finden in Heb 2,18 und 4,15. Auch das Buch Ijob trägt zur Klärung bei. Im Buch Ijob stellt Satan den Menschen als Versager dar, als einen, der nur seinen Vorteil sieht, wenn er sich mit Gott gut hält. Der Mensch ist demnach mehr Schein als Sein, mehr Fassade als Abbild Gottes. „Die Verlästerung des Menschen und der Schöpfung ist im letzten Verlästerung Gottes, Rechtfertigung für die Absage an ihm.“ Das kann man aus dem Buch Ijob herauslesen. Alles, was er liebte sollte er verlieren, dann würde er sich schon von Gott abwenden, dann wäre es aus mit seiner Frömmigkeit. Gott erlaubte dem Satan Ijobs Frömmigkeit und Gottverbundenheit auf die Probe zu stellen, aber in einem begrenzten Umfang. „Gott lässt den Menschen nicht fallen, aber prüfen. … Die Leiden Ijobs dienen der Rechtfertigung des Menschen.“ Ijob hat im Leiden ausgehalten, ist Gott treu geblieben und hat so „die Ehre des Menschen wiederhergestellt.“ Die Leiden des Ijob sind „im Vorausleiden in der Gemeinschaft mit Christus, der unser aller Ehre vor Gott wiederherstellt und uns den Weg zeigt, auch im tiefsten Dunkel den Glauben an Gott nicht zu verlieren.“ Wir Menschen müssen immer wieder geprüft werden, um Schritt für Schritt „in ein tiefes Einssein mit Gottes Willen zu finden.“ Trauben müssen zerkleinert werden und gären, sonst werden sie nicht zu Wein. Der Mensch muss sich der Reinigung und Verwandlung unterziehen, „um zu sich selbst und zu Gott zu kommen. Liebe ist immer ein Prozess der Reinigung, der Verzichte, schmerzvolle Umwandlungen unserer selbst und so Weg der Reifung.“ Wir wissen, dass wir Prüfungen brauchen, wir wissen aber auch, dass unsere Kraft sie durchzustehen begrenzt ist. Mit dieser Bitte bitten wir also, dass Gott nicht zulässt die Grenzen zu weit zu ziehen, und dass er uns beschütze und seine Hand über uns halte. Mit Gottes Hilfe allein haben wir die Kraft uns von Satan nicht runterziehen zu lassen. Auch viele der großen Heiligen waren vor Versuchungen nicht verschont. „Sie stehen sozusagen im Gefolge von Ijob, als Apologie der Menschen, die zugleich Verteidigung Gottes ist. Mehr noch: Sie stehen in ganz besonderer Weise in der Gemeinschaft mit Christus, der unsere Versuchungen durchlitten hat.“ Wenn wir diese Bitte des Vaterunsers sprechen, wissen wir, dass wir geprüft werden müssen, aber gleichzeitig bitten wir, das Maß der Versuchungen nicht über unsere Kräfte gehen zu lassen, „dass er uns nicht aus den Händen lässt“. Darum ist die Zusage des heiligen Paulus so wichtig: „Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung Ausweg schaffen, so dass ihr sie bestehen könnt. (1 Kor 10,13).“

(Die obigen Gedanken und Zitate zum „Vater unser“ fußen im „Meditationsbuch „Meditationen über das „Vater unser“ von Josef Ratzinger/Benedikt XVI im Herder Verlag (– hier die Seiten 97 bis 107 -). Der Verlag führt im genannten Buch folgendes an: „Der Text dieses Buches ist das 5. Kapitel („Das Gebet des Herrn“) aus: Josef Ratzinger/Benedikt XVI: Jesus von Nazareth. Erster Teil. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg – Basel – Wien 2007, S. 162 – 203, 409f und 411f auf Grundlage des in der Vorbereitung befindlichen 5. Auflage. Zur Vermeidung von Brüchen im Lesefluss werden auch Zitate an die gültige reformierte Rechtschreibung angeglichen. Der Autor hat zahlreiche Bibelstellen aus dem Urtext selbst übersetzt. Der Wortlaut kann von der „Einheitsübersetzung“ oder anderen Übersetzungen abweichen.“

Die Überschriften über die Kapitel sind dem oben genannten Meditationsbuch entnommen und von mir durchnummeriert worden. – P. Wilhelm von Rüden

 

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